RESTAURIERTE LEDERWAREN AUS DEM ARBEITSZIMMER VON EUGÈNE YSAŸE
Im Jahr 1894 ließ sich der berühmte Lütticher Violonist und Komponist Eugène Ysaÿe (1858–1931) ein Haus in der Brüsseler Avenue Brugmann bauen. Zu diesem Anlass gab er bei seinem Freund, dem Architekten Gustave Serrurier-Bovy, ein vollausgestattetes Arbeitszimmer in Auftrag. Dieses einzigartige Zeugnis der Begegnung der beiden herausragenden Künstler des späten 19. Jahrhunderts wurde von den Erben Eugène Ysaÿes als Vermächtnis der Stadt Lüttich übergeben.
Nach dem Tod von Eugène Ysaÿe im Jahr 1931 schenkten seine Kinder dieses Arbeitszimmer seiner Geburtsstadt, um die Erinnerung an ihn wachzuhalten. Es wurde in den Räumen des Musikkonservatoriums in der Rue Forgeur originalgetreu rekonstruiert und 1977 in das Architekturmuseum, Impasse des Ursulines, verlegt. Nachdem das Museum im Jahr 1990 endgültig geschlossen wurde, konnte das Arbeitszimmer des Musikers erst nach der Eröffnung des Grand Curtius wieder besichtigt werden. Heute ist ihm ein ganzer Raum in der Dauerausstellung des Grand Curtius gewidmet. Somit wurde der Wille der Erben respektiert, „die private Lebenswelt eines Mannes, dessen Name fest in den Geschichtsbüchern verankert ist, allen Interessierten zugänglich zu machen“.
Das Arbeitszimmer verfügt über eine große Wandbibliothek mit integriertem Klavier, einen großen Schreibtisch mit Notenständer und zahlreiche Möbel- und Dekorationsstücke. Bei einigen dieser Objekte wurde ein schlechter Erhaltungszustand festgestellt. Dies galt insbesondere für die persönlichen Gegenstände des Komponisten auf seinem Schreibtisch.
Dank der finanziellen Unterstützung durch den Fonds David-Constant der König-Baudouin-Stiftung im Jahr 2020 konnten wir die sensibelsten Objekte einem spezialisierten Restaurator, Luc Hautekeete, anvertrauen. Ziel dieser Behandlung war es, die Spuren der Zeit und des Gebrauchs abzumildern, um eine langfristige Erhaltung der Objekte zu gewährleisten. Die durchgeführten Behandlungen beschränkten sich daher auf Konsolidierungs- und Reinigungsmaßnahmen sowie einige kosmetische Retuschen.
Wir zeigen hier einige der Lederwaren, die zusammen ein Set aus Löschpapierunterlage, Briefhalter, Löschwiege, Schatulle und Taschenleerer bilden. Das getriebene Leder ist mit Kastanienblättern verziert, und die Initialen „E“ und „Y“ sind harmonisch ineinander verschlungen. Mithilfe der Technik des Ledertreibens kann ein Muster im Leder herausgearbeitet werden. Um ein Relief herauszubilden, werden die Lederfasern durch Hämmern um das Muster herum niedergeschlagen. In der Regel wird das herausgearbeitete Muster durch das Färben des Leders oder sogar durch das Aufbringen von Blattgold akzentuiert.
Anders als Kunstwerke zeigen diese Gebrauchsgegenstände einen Verschleißzustand, der ihrer praktischen Nutzung geschuldet ist. Und genau aufgrund dieser Nutzung wurde die Restaurierung auf eine Minimalbehandlung beschränkt. Vor allem sollte sichergestellt werden, dass sie als historisches Zeugnis erhalten bleiben, ohne die Spuren der materiellen Geschichte dieser Objekte zu kaschieren.
Alle Objekte waren stark verschmutzt. Das Leder hat mit der Zeit einen sauren pH-Wert entwickelt und ist dadurch stark brüchig geworden. Es weist zahlreiche Risse und Einrisse sowie Löcher auf, die auf die Sprödigkeit des Materials zurückzuführen sind. Die Gebrauchsspuren der häufigen Nutzung sind unverkennbar. Die Scharniere der Löschpapierunterlage, des Briefhalters und der Schatulle waren weitgehend ausgerissen. Die Objekte konnten dank der durchgeführten Behandlung stabilisiert werden, auch wenn sie weiterhin sehr empfindlich sind.
Audrey Jeghers, Konservatorin – Restauratorin / Museen der Stadt Lüttich
Aufstellungsort – Exponat des Monats
Das Ausstellungsstück ist im Schaukasten des Exponats des Monats zu sehen. Eingangsbereich des Museums Grand Curtius in Lüttich.
Bildlegenden
RESTAURIERTE LEDERWAREN AUS DEM ARBEITSZIMMER VON EUGÈNE YSAŸE
© Stadt Lüttich – Grand Curtius